Kräuterführungen im Ruhrgebiet

Kräutertour de Ruhr

Von Ursula Stratmann

Wie ich die Welt sehe

Ich bin Fremdenführerin. Oder Reiseleiterin, ganz wie Sie wollen. Ich zeige aber nicht die Schönheit gothischer Kathedralen und erzähle auch eher wenig über die wechselvolle Geschichte eines berühmten Schlosses. Ich zeige Ihnen grüne Gänsehautziele, küssende Bäume und die Schönheit auch noch des kleinsten und unscheinbarsten Gewächses.

Ich weiß nicht, wie Sie die Welt sehen. Einige sehen vielleicht die Werbung in den Schaufenstern, ein Malermeister sieht vielleicht, dass hier eine Hausfassade gestrichen werden müsste, ein Straßenbauer die Mäkel am Gehweg, eine Mutter die Kinder der anderen. Ich sehe, welches Wildkraut zwischen den Pflastersteinen wächst, wo welche Hausfassade begrünt oder ein leerer Vorgarten bepflanzt werden könnte, habe Visionen von Spaliersträuchern an Hauswänden und Beerenhecken im Stadtpark, sehe, dass dieser Strauch krank und jener besonders prächtig ist, nehme wahr, unter welcher Baumkrone ich stehe und ob es gerade essbare Kräuter am Wegrand gibt. Und ständig denke ich: Wie wunderbar! Welche Schönheit! Dieses Blatt! Diese Blüte! Dieses Moos, die Biene, die Wespe, der Rüsselkäfer, die Flechte auf dem Bruchstein, die bunten Blumen auf der Baustelle …

Sie können das auch Glückstraining nennen. Ich habe vor Jahren einmal ein Glücksseminar besucht. Eine Übung war, immer dann, wenn wir einen negativen Gedanken haben, einen positiveren zu suchen und den bewusst zu denken. Im grauen Städtedickicht ist der Gedanke „Welch hübsche Vogelmiere zwischen den Pflastersteinen!“ doch eine gelungene Alternative! Es sei denn, Sie wohnen in Schwaben, und haben Kehrwoche  …

Warum zeigt der Ast dieses knorrigen Baumes gerade hierhin? Warum ist der Frauennmantel nach der Alchemie benannt und die Schafgarbe nach einem berühmten griechischen Helden?? Welches Kraut schmeckt auch der Oma? Und warum kann ich mir jede Apotheke sparen, wenn ich nur die Ruhrufer kenne ...? Für mich sind die Wälder Kathedralen, heilige Orte, Plätze zum Auftanken, zum Kraft schöpfen, zum Staunen und Innehalten. Bei meinen Touren und in meinen Büchern "Kräutertour de Ruhr" nehme ich Sie an die Hand und zeige Ihnen genau, wo im Ruhrgebiet die Kornelkirschen, wilden Mirabellen und Heilkräuter wachsen, mit Rezepten und Geschichten. Und hinter welcher Ecke Sie den küssenden Baum oder heiligen Platz finden: 

Ein heiliger Platz im Wittener Muttental mit der alten "Muttereiche"

Für mich ist jedes noch so kleine Pflänzchen (und Tierchen) ein einziges bestaunenswertes Wunder! Haben Sie schon einmal die Tiere in der Akeleiblüten gesehen?

Sehen Sie die Schwäne? Sie teilen sich ihre Blütenblätter als Flügel!! Akelei aus meinem Garten ...

  

Kennen Sie Baumgesichter? Die Erotik des Storchenschnabel, der übrigens als „Bockskraut“ tatsächlich die Fruchtbarkeit fördert? Ich lade Sie herzlich ein, mich zu begleiten.

Ich habe die Natur schon als Kind geliebt, ich denke, schon als Baby. Da gibt es erste Fotos von mir, auf denen ich in einer Zinkbadewanne auf der Wiese sitze. Danach kommen Bilder, auf denen ich einen Margeritenkranz auf dem Kopf habe oder einen selbst gepflückten Blumenstrauß in der Hand und solche, auf denen ich der Oma im Garten helfe … Mit 10 Jahren hatte ich meine erste Kräutertee-Sammlung, 25 schön bemalte oder mit Stoff beklebte Gläser. Ich weiß noch, wie ich meiner Oma Alma einen Tee aus Rainfarnblüten vorsetzten wollte. Die rochen so fantastisch gut nach Zitrone! Sie hatte zum Glück gerade keinen Durst und so landete der Tee im Ausguss. Zum Glück! Gegen Würmer hätte er geholfen, aber ansonsten gilt er heute als giftig!

Mit 14 Jahren hatte ich mein erstes bunt gestaltetes Herbarium mit 100 Pflanzen, an der Uni dann eins, welches 20 Ordner umfasste. Zu dem Zeitpunkt hatte man mir allerdings schon die Schönheiten und Wunder, die Heilkraft und Geschmackssensationen der Schätzchen abgewöhnt. Eine Diplom-Biologin musste sich eher dafür interessieren, ob die Stängelhaare des Krautes 1 oder 2 mm lang waren, sternförmig oder gerade, die Nebenblätter eine bestimmte Form hatten, die Hüllblätter schwarzspitzig waren oder nicht, alles um herauszufinden, ob es sich um diese oder jene, möglichst seltene, Unterart handelte.

Es mussten erst 20 nahezu botanikfreie Jahre vergehen, in denen ich als MTA, Umweltberaterin, Dozentin für Umweltmanager und an Krankenpflegeschulen für Anatomie mein Geld verdiente und außerdem meine drei Kindern groß zog, bis ich mich neu den botanischen Wundern zuwenden konnte.

Beim Karamellstrauch guckt einer! Mit Helm und Glupschaugen! Gesehen in England, zu kaufen bei Kräutermagie Keller, die Beeren schmecken wie Karamell!

Und heute? Bin ich wieder so kräuterverliebt wie als Kind, immer neu berührt von der Schönheit, den Formen, Düften, Geschmäckern, Farben, Botschaften, Mustern, Heilwirkungen, Mythen … Heute habe ich eine Fotosammlung mit 300 Baumgesichtern, den Keller voll mit kuriosen botanischen Fundstücken, seltsam geformten Samen mit Herzen oder Engeln drauf, Steinen, die Pflanzen abbilden, Riesenschoten und getrockneten Präparaten.

Meine selbst gesammelte Kräuterapotheke umfasst 250 verschiedene Heilpflanzen in Gläsern zur Teezubereitung und 70 verschiedene selbst angesetzte Tinkturen, Hustensäfte und Liköre.

In meinem Wohnzimmer hängen die schönsten Gärten Englands als großformatige Fotos, und in Regalen stehen Duftquize, Samenrätsel, Blattmemories und Baumkunde-Ordner für die Teilnehmer meiner Kräuterkurse. Auf meinen Fensterbänken reihen sich kuriose Duftpflanzen mit Weihrauch-, "Männerscheiß-", Zitronen- und Rosendüften, in meinem Garten zeugen viele Schilder von der Wichtigkeit der Wildkräuter, auch wenn die Pflanzen das manchmal nicht wissen und einen halben Meter daneben wieder rauskommen.

Und natürlich habe ich eine Smoothie-Maschine, in der regelmäßig über 100 verschiedene Wildkräuter landen, zu meinem und dem Wohl meiner Botanikfreunde. All das mit der Gewissheit: Das machen die doch alles für uns! 

Zum Beispiel die richtigen Wirkstoffe zur richtigen Jahreszeit. Saponine und Bitterstoffe zum Entschlacken im Frühling für alle, die zu viele Weihnachtskekse gegessen haben. Kurz vor der kalten Jahreszeit dagegen bekommen wir Pilze geliefert mit den nötigen Vitamin-D-Mengen, die wir für den sonnenarmen Winter einlagern können. Im heißen Sommer gibt es wassereiche Beeren gegen den Durst, im Herbst extra fettreiche Haselnüsse als Kalorienvorrat für alle, die Winterschlaf halten müssen ...

So ein wichtiges Gourmetschätzchen: Das Franzosenkraut

Herzliche Kräutergrüße! Sie sind eben einfach Herzchen. Sie sind niemals schlecht. Sie sind einfach! Sie sind nicht „Un-“ oder Plagen. Das ist eine Erfindung des Menschen. Auch keine Individuen, die alles Einheimische verdrängen. Das haben wir bereits vorher getan! Durch Asphaltieren, Zuschütten, Vergiften, Überweiden, Überdüngen, gentechnisches Verändern,  Anpflanzen der falschen Bäume, Pestizid-Ausbringung, Salzen der Autobahnen.

Die Globalisierung bringt interessante Neuerungen für unsere Flora meist genau dahin, wo die einheimischen Schätzchen verschwunden sind. Die Pflanzen mit Migrationshintergrund aus dem Mittelmeergebiet, aus Amerika, Indien und Südafrika erobern die schwarzen Halden, die zugebauten Plätze, die Autobahnrandstreifen. Sie sind derartige „Schwierigkeiten“ aus ihrer Heimat gewohnt. Kaum ein „alt eingesessenes“ Kraut könnte das. Und mal ehrlich: Würden Sie gerne auf einem aufgegebenen Industrie-Standort wohnen? Voller Gifte, voller Schwermetalle? Steinig und grau, von Gott und der Welt verlassen? Wir können ja heilfroh sein, dass einige Migranten-Pflanzen es da aushalten und damit die Grundlage für eine komplette Neubesiedelung schaffen.

Schöllkraut auf Industriebrache

Sollte die Klimaveränderung weiter fortschreiten, werden einige unserer bekannten Pflanzen verschwinden. Manche vertragen keine zu trockenen Füße, andere brauchen zum Keimen Frost. Genau für den Fall sind die Neuen schon da! Seit einiger Zeit kann man schon herrliche Feigen und Kiwis bei uns ernten, vielleicht demnächst auch Oliven und Zitronen?

Pflanzenwelt ist in meinen Augen Wunder, Wandel, Überraschung, Anpassung, Neuanfang, Entwicklung, Gelassenheit, Warten auf den richtigen Zeitpunkt, Schönheit, Erfüllung, innere Ruhe ...

Dazu ein Beispiel: Die von mir aus dem letzten Madeira-Urlaub wild gepflückten Rizinussamen wollten einfach nicht keimen. Nach 3 Monaten, in denen sich nichts gerührt hatte, landeten die Töpfe in der Ecke zur „Wiedervorlage“. Als ich einen Monat später einen Pflanztopf suchte, siehe da: Es waren alle aufgegangen! Ich hätte mehr Geduld an den Tag legen müssen, also wieder was gelernt …

Sie haben für mich sogar herrliche zeckenähnliche Samen produziert. Zeckenähnlich? Tatsächlich. Mit einer wunderschönen Zeichnung auf den ovalen bohnenförmigen braunen Samen, mit einem kleinen Knöpfchen an der Seite. Wie eine mit Blut vollgesogene Zecke eben. Da soll wohl ein Vogel denken: „Oh, so ein Leckerchen!“ Bevor er allerdings die Täuschung bemerkt hat, ist die „Zecke“ schon verschluckt und in seinem Verdauungskanal gelandet. Der ist bei Vögeln anders als bei uns. Sie haben einen gemeinsamen Trakt, der nicht zwischen Stuhl und Urin unterscheidet. Bei den Vögeln wird der verschluckte Samen nun durch die Harnsäure (das ist das Weiße in den Vogelausscheidungen) leicht angedaut. Und nebenbei mit „Dünger“ angereichert … So war die Planung der Rizinussamen auch ursprünglich gedacht. Sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass ich sie einfach in Erde legen würde. Vielen Dank, dass sie trotzdem gekeimt sind! Leider kann ich sie auch zukünftig nicht durch meinen Verdauungskanal schicken. Sie sind ja giftig! Und die Harnsäure hätte ich da auch nicht zu bieten.  

Rizinus, geboren aus einer „Zecke“…

Ein erstaunliches, liebevolles Völkchen sind doch diese Pflanzen. Immer für eine Überraschung gut. Ich kann einfach nicht von ihnen lassen, nicht im Urlaub, nicht auf der Autobahn, wo mich vom Seitenstreifen die von den LKW mitgebrachten Pflanzen aus aller Welt grüßen und ich manchmal bewusst in einen Stau fahre, damit ich dort mal aussteigen und gucken darf, zum Beispiel auf das dänische Löffelkraut, welches aus dem hohen Norden mit LKW`s zu uns kommt und es an den gesalzenen Autobahnrändern so heimelig findet wie an den salzigen Küsten in seiner Heimat.

Sie lassen mich auch mitten in der Stadt nicht los. Selbst dort lachen mich Schätzchen zwischen den Pflastersteinen an. Auch in der größten Betonwüste findet man noch Flechten und Moose. Ein Hoffnungsschimmer. Dann ist dort noch nicht alles verloren …

Dänisches Löffelkraut, im April als weißer Streifen überall an der Autobahn





Mein Lieblingsbaum, grüsst täglich an der Autobahnauffahrt A 43, Sprockhövel, guckt der?

Jeden Morgen, wenn ich auf die Autobahn zur Arbeit fahre, grüße ich einen alten Bekannten. „Hallo Bäumchen! Wie schön du wieder bist!“ Und wirklich, jedes Mal ist er anders schön, mal mit Herbstlaub in gelb, dann in rot, später in braun, mal mit hellgrünen Spitzchen, mal mit gelben Blüten, mal windgepeitscht, im Winter sehenswert allein durch die ebenmäßige Silhouette, die schöne rundliche Kronenform. Ob er wohl die Maße des „goldenen Schnittes“ hat?! Ich habe den Eindruck, dass er mich anschaut. Natürlich auch alle anderen Autofahrer hier an der Zufahrt zur A 43. Nur die anderen gucken nicht zurück. Tatsächlich könnte man so etwas wie eine Nase und zwei Augen sehen, etwas gnomenhaft. Ich finde ihn immer viel schöner und mit viel mehr Laubblättern gesegnet als die beiden anderen Bergahornbäume gleichen Alters, die neben ihm stehen. Ob das auch daran liegt, dass ich ihn täglich grüße?

Als ich einmal mit einem Reporter des Deutschlandfunkes unterwegs war und ihm den Baum zeigte, meinte er, er hätte noch niemals jemanden getroffen, der sich so viele Gedanken über einen Baum an einer Autobahnauffahrt macht.…

Mehr wilde Kräutergeschichten in den Büchern von Ursula Stratmann „Paradies in Grün“ und „Mein Stadtkräuterbuch“


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